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Theobald_Renner (1779-1850)
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Karl Hobstetter (1875-1944)
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Victor Goerttler (1897-1982)
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Historie und Moderne

GOETHEs Engagement für die Veterinärmedizin war eng mit seinem wissenschaftlichen Interesse an vergleichender Anatomie und Morphologie verknüpft. Folglich legte GOETHE der Tierarzneischule eine Idee zugrunde, die offensichtlich weit über den unmittelbaren praktischen Nutzen tiermedizinischer Belange hinausging. Es stellt deshalb keinen Zufall dar, dass der Lehrbetrieb in der Jenaer Tierarzneischule von Anfang an einen akademischen Charakter hatte und auf die vergleichende Anatomie ausgerichtet war. Da zu Beginn der Ausbildung Lehrmaterial fehlte, stellte Goethe aus seinem privaten Fundus Anschauungsmaterialien und Präparate zur Verfügung, die zum Teil noch heute erhalten sind.

THEOBALD RENNER baute die Tierarzneischule in Jena auf und verhalf ihr zu wissenschaftlichem Ansehen innerhalb der Universität; insbesondere in der Medizinischen Fakultät, aber ebenso innerhalb der Landwirtschaft. Tierärzte wurden in Jena nur bis 1843 ausgebildet. Nachdem RENNER die Leitung der Schule niedergelegt hatte, war er noch bis zu seinem Tod im Jahre 1850 als Landtierarzt und Physikus tätig.

Einen Nachfolger für RENNER zu finden, gestaltete sich aus verschiedenen Gründen als äußerst schwierig. Zwar hatte GOETHE die Tierarzneischule ursprünglich auch für vergleichend-anatomische Studien vorgesehen, doch verfügte die Schule nach RENNERs Tod nur über sehr bescheidende Möglichkeiten für ein weiteres wissenschaftliches Arbeiten, noch dazu unter geringer Besoldung. Außerdem zeigte die Universität wenig Interesse, die Tierarzneischule in die fundamentalen anatomischen Studien einzubinden, da sich in Jena mit ‚Galionsfiguren‘ wie CARL GEGENBAUR (1826-1903), ERNST HAECKEL (1834-1919) oder MAX FÜRBRINGER (1846-1920) zwischenzeitlich eine starke Schule der vergleichenden Anatomie und Zoologie entwickelt hatte. Das Landwirtschaftliche Institut, dem die Tierarzneischule in dieser „post-RENNERschen“ Zeit angehörte, setzte hingegen andere Prioritäten. Diese Umstände sowie ein ständiger Wechsel der Direktoren wirkten sich negativ auf die weitere Entwicklung der Veterinäranstalt aus.

Die Situation änderte sich grundlegend, nachdem KARL HOBSTETTER (1875-1944) im Jahre 1911 einem Ruf nach Jena folgte. Mit ihm setzten ein kompletter Umbau im Sinne einer Veterinäranstalt sowie eine radikale Änderung ihrer Stellung zur Universität ein. In seiner Jenaer Zeit leistete HOBSTETTER Bahnbrechendes: Die Lehrstelle für Tierarzneiwissenschaft wurde wieder (wie zu Zeiten RENNERs) in eine außerordentliche Professur umgewandelt. HOBSTETTER wurde später ordentlicher Professor. Die Veterinäranstalt wurde ferner zu einem selbständigen Institut der Universität Jena und somit vom Landwirtschaftlichen Institut losgelöst.

Im Jahr 1938 folgte VICTOR GOERTTLER (1897–1982) auf HOBSTETTER als Professor an der Universität und als Direktor der Veterinäranstalt sowie des Veterinäruntersuchungs- und Tiergesundheitsamtes (VUTGA). Er führte das von RENNER begonnene und von HOBSTETTER deutlich vorangebrachte Werk der Vereinigung von veterinärmedizinischer Lehre sowie Diagnostik und praktischer Umsetzung der gewonnenen Erkenntnisse in der landwirtschaftlichen bzw. tierärztlichen Praxis weiter. Auf sein Betreiben hin wurde das Institut für bakterielle Tierseuchenforschung Jena der Deutschen Akademie der Landwirtschaftswissenschaften zu Berlin gegründet, das am 01. Juli 1954 seine Tätigkeit aufnahm und dessen erster Direktor er wurde.

Auch wenn die vor nahezu 200 Jahren ins Leben gerufene Tierarzneischule heute nicht mehr existiert und an der Jenaer Universität keine „Thierarzneykunst" mehr gelehrt wird, so ist Jena dennoch mit zahlreichen Impulsen für die Veterinärmedizin verknüpft, welche bis in die aktuelle Zeit reichen. Im heutigen Jena verkörpert das Friedrich-Loeffler-Institut, Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit (FLI), die moderne veterinärmedizinische Forschung auf internationalem und nationalem Niveau. Dessen Vorgängerinstitution, das Institut für bakterielle Tierseuchenforschung, leistete unter den geltenden gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in der DDR wesentliche Beiträge zur Erforschung und Bekämpfung von Tierkrankheiten, die untrennbar mit dem Namen GOERTTLERs und denen seiner Schüler verbunden sind.

Im gleichen Atemzug ist das ehemalige VUTGA (später Bezirksinstitut für Veterinärwesen; BIV) zu nennen, welches in Jena ebenfalls auf GOERTTLERs Initiative hin errichtet wurde. In der DDR stand diese Einrichtung für eine hochqualifizierte veterinärmedizinische Labordiagnostik im Auftrag der bestandsbetreuenden Tierärzte und des staatlichen Veterinärwesens. Heute werden die analogen Tätigkeitsfelder im Thüringer Landesamt für Verbraucherschutz mit Sitz in Bad Langensalza fortgeführt. Träger der damals ebenfalls im Jenaer VUTGA bzw. BIV angesiedelten Tiergesundheitsdienste ist heute die Thüringer Tierseuchenkasse mit Sitz in der VICTOR-GOERTTLER-Straße in Jena.

(Auszug aus Veröffentlichung im Deutschen Tierärzteblatt, Heft 09/2015)

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